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Autorität beim Reiten: Warum innere Stabilität entscheidend ist

Viele Reiterinnen und Reiter stehen vor der Herausforderung, dass Pferde nicht auf Anweisungen reagieren, die auf Druck, Zwang oder Dominanz basieren. Häufig wird im Reitunterricht der Rat „Setz dich mal durch“ gegeben – ohne dass erklärt wird, warum dies selten funktioniert und oft sogar kontraproduktiv ist. Pferde reagieren sensibel auf Körpersprache, innere Anspannung und Authentizität. Daher ist die Entwicklung einer inneren, natürlichen Autorität beim Reiten entscheidend, um Sicherheit, Vertrauen und Lernbereitschaft zu fördern. Dieses Thema wird oft übersehen, weil äußere Kontrolle sichtbarer ist und schneller Ergebnisse zu bringen scheint, während innere Stabilität Zeit, Übung und Selbstreflexion erfordert.


Frau mit Pferd

Innere Autorität vs. äußere Macht


Menschen versuchen häufig, Autorität über äußere Mittel zu erzwingen: Rang, Titel, Statussymbole oder körperliche Durchsetzungskraft. Bei Pferden funktioniert das nicht. Gewalt oder Druck erzeugen Angst, Misstrauen und Blockaden (McGreevy & McLean, 2010).


Echte Autorität beim Reiten entsteht über:

  • Wirkung auf das Pferd: Präsenz, Körpersprache und Souveränität werden wahrgenommen.

  • Selbstregulation: Ein stabiler, ruhiger Reiter reguliert auch die Reaktionen des Pferdes (von Borstel et al., 2015).

  • Orientierung und Vertrauen: Das Pferd weiß, dass es sich auf den Reiter verlassen kann.


Selbstregulation und Verantwortung


Innere Stabilität erfordert Selbstwahrnehmung, Stressmanagement und die Fähigkeit, in unsicheren Situationen ruhig zu bleiben. Wer seine Emotionen und Handlungen reflektiert, kann Entscheidungen treffen, die das Pferd nicht überfordern.

Verantwortung ist ein zentraler Aspekt: Entscheidungen wirken sich unmittelbar auf das Pferd aus – Sicherheit, Wohlbefinden und Lernerfolg hängen davon ab. Wer diese Verantwortung nicht tragen kann oder will, wird niemals eine natürliche Autorität ausstrahlen.


Praxisbeispiele

  • Reiterinnen, die auf Pferde reagieren, statt sie zu dominieren, erleben höhere Kooperationsbereitschaft und Lernmotivation.

  • Pferde merken, wenn ein Reiter unsicher ist oder „nur Anweisungen abarbeitet“; sie zeigen Stresssignale, Verweigerung oder Angst (Keiper et al., 2015).

  • Echte Autorität wird sichtbar, wenn der Reiter innere Klarheit, Ruhe und Konsequenz ausstrahlt – unabhängig von äußeren Regeln oder Hierarchien.


Entwicklung von Autorität

Autorität im Reiten ist trainierbar, aber nur, wenn man bereit ist, an sich selbst zu arbeiten:

  • Selbstregulation üben: Atemtechnik, Achtsamkeit, gezielte Reflexion eigener Reaktionen.

  • Krisen meistern: Fehler und schwierige Situationen bewusst reflektieren.

  • Verantwortung übernehmen: Bewusstsein, dass eigene Entscheidungen unmittelbare Folgen haben.

  • Situative Anpassung: Lernen, flexibel auf unvorhergesehene Ereignisse zu reagieren, statt auf starre Pläne zu bestehen.


Dieser Prozess ist eng verbunden mit Persönlichkeitsentwicklung: Reiten fördert Selbstwahrnehmung, emotionale Stabilität und Entscheidungsfähigkeit – Kompetenzen, die sich direkt auf Alltag, Beruf und soziale Beziehungen übertragen lassen.


Fazit

Autorität beim Reiten entsteht durch innere Stabilität, Klarheit, Selbstregulation und Verantwortungsbewusstsein, nicht durch Zwang oder äußere Macht. Wer diese Fähigkeiten entwickelt, schafft Sicherheit und Vertrauen für Pferd und Reiter und steigert den Lernerfolg. Gleichzeitig unterstützt die Arbeit mit Pferden die Persönlichkeitsentwicklung, stärkt Selbstwahrnehmung, emotionale Regulation und Entscheidungsfähigkeit und wirkt positiv auf den menschlichen Alltag, z. B. bei Konflikten, Führungssituationen und der Stressbewältigung.


Literaturverzeichnis

  • von Borstel, U. K., et al. (2015). Human-animal interactions: Stress regulation and behavioural outcomes in horse-human dyads. Applied Animal Behaviour Science, 167, 60–71.

  • Keiper, R., et al. (2015). Equine learning and stress: The impact of rider behaviour on horse welfare and learning. Journal of Veterinary Behavior, 10(4), 331–338.

  • McGreevy, P., & McLean, A. (2010). Equitation Science. Wiley-Blackwell.

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