Die Sprache der Pferde: Was uns ihre Mimik verrät
- sabinelagies
- vor 5 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
Pferde sprechen permanent – nicht mit Worten, aber mit ihrem Körper. Neben Haltung, Bewegung und Stimme ist die Mimik ein unglaublich reiches Kommunikationsmittel. Wer lernt, sie zu lesen, kann die Gefühle, Absichten und den inneren Zustand seines Pferdes viel feiner einschätzen – und damit Beziehung, Training und Alltag spürbar verbessern.

Was ist Pferdemimik überhaupt?
Mimik bezeichnet die Bewegungen der Gesichtsmuskulatur, die bestimmte Ausdrücke erzeugen. Beim Pferd zählen dazu vor allem:
Augen
Ohren
Nüstern
Lippen und Maul
Gesamtausdruck
Pferde haben – genau wie Menschen – eine feine Muskulatur im Gesicht und können diese zielgerichtet zur Kommunikation einsetzen. Moderne Forschung bestätigt, dass Pferde nicht nur unbewusst reagieren, sondern Gesichtsausdrücke gezielt nutzen, um mit anderen zu interagieren.
Die Augen: Fenster zur Stimmung
„Lebendige“ Augen
Ein Auge wirkt lebendig, wenn es:
aufmerksam
weich und
rund
mit aktiver Blickrichtung ist.
Das zeigt:
Interesse
Neugier
Wachsamkeit ohne Stress
Ein offenes, aber nicht weit aufgerissenes Auge signalisiert meist einen entspannten, aber präsenten Zustand.
„Tote“ oder starr wirkende Augen
Ein Auge kann „tot“ wirken, wenn es
glanzlos erscheint
der Blick starr oder leer ist
kaum Augenbewegung stattfindet
Das kann bedeuten:
Unterforderung / Langeweile
Stress oder Überforderung
Schmerz oder Krankheit
Depression / psychische Belastung
Wissenschaftlich wurde gezeigt, dass Pferde unter chronischem Stress oder Schmerzen oft eine veränderte Augenmimik und reduziertes Blickverhalten zeigen.
Ohren: Intention und Fokus
Pferde bewegen ihre Ohren nahezu unabhängig und gezielt – sie sind wie Richtungsanzeiger der Aufmerksamkeit.
👉 Ohren nach vorne: Interesse, Neugier
👉 Ohren seitlich: Unsicherheit, Beobachtung
👉 Ohren nach hinten: Ärger, Unwohlsein, Warnung
👉 Ohren flach am Kopf: deutliche Aggression oder Schmerz
Die Position der Ohren zusammen mit Blick und Nüstern gibt wichtige Hinweise auf Absichten und emotionale Lage.
Nüstern und Maul: Atmung, Ausdruck, Emotion
Nüstern
Weit geöffnete, vibrierende Nüstern sehen wir bei:
hoher Erregung
Atmung nach Anstrengung
Angst oder Überraschung
Eng zusammengezogene oder starre Nüstern können auf Anspannung, Frustration oder Schmerz hindeuten.
Maul
Das Maul ist ein besonders aussagekräftiger Bereich:
Entspannte Lippen: Ruhe
Gähnen, Zähne zeigen: Stressabbau oder Anspannung
Festes Zusammenbeißen: Widerstand oder Unbehagen
Leicht nach vorn gezogene Maulwinkel: Aufmerksamkeit
Auch hier zeigen Studien, dass Pferde subtile Unterschiede im Maulausdruck nutzen, um emotionale Zustände auszudrücken und auf soziale Situationen zu reagieren.
Gesamtausdruck verstehen: Kontext ist entscheidend
Ein einzelnes Merkmal (z. B. starrer Blick) ist selten alleine aussagekräftig. Wirklich aussagekräftig wird die Mimik erst, wenn man sie im Kontext betrachtet:
Körperhaltung
Atmung
Ohren- und Augenkombination
Situative Trigger (Geräusch, Training, Mensch, anderes Pferd)
Wenn Mimik verstummt: ein Praxisbeispiel, siehe Bild oben
Die Mimik eines Pferdes kann sich durch belastende Erfahrungen deutlich verändern. Besonders bei traumatisierten Pferden wirkt der Gesichtsausdruck oft „leer“ oder widersprüchlich ruhig.
Beobachtbare mimische Merkmale – fachliche Einordnung:
Starrer, glanzloser Blick → emotionaler Rückzug, Überforderung, erlernte Hilflosigkeit
Kaum Augenbewegung / fehlende Blickfokussierung → Abschalten als Schutzmechanismus
Hoch getragener, fixierter Kopf → Daueranspannung, Fluchtbereitschaft
Ohren häufig seitlich oder abrupt nach hinten → Unsicherheit, Misstrauen
Feste Maulpartie, angespannte Lippen → innerer Stress, Unterdrückung von Reaktionen
Flucht- oder Losreißverhalten bei Annäherung → Mensch als Auslöser negativer Erinnerung
Interpretation: Diese Mimik steht nicht für „Unwillen“ oder „schlechten Charakter“, sondern für ein Pferd, das gelernt hat, dass Menschen unberechenbar und gefährlich sind. Der scheinbar „leere“ Ausdruck ist ein deutliches Alarmsignal für psychische Überforderung.
Praxis: So liest du die Mimik deines Pferdes
Immer im Kontext beobachten – Augen, Ohren, Nüstern, Kopfhaltung, Körper und Situation.
Veränderungen erkennen – Subtile Abweichungen vom Normalzustand sind wichtige Hinweise.
Regelmäßiges Training deiner Wahrnehmung – Putzen, Herdenbeobachtung, Reiten.
Mimik als Beziehungstool nutzen – Wer feinfühlig liest, kann Vertrauen aufbauen und Stress vermeiden.
Fazit
Die Mimik ist bei Pferden kein „nettes Extra“, sondern ein zentrales Kommunikationsmittel. Sie verrät Gefühle, innere Zustände und soziale Absichten. Wer lernt, diese Zeichen zu lesen, findet einen direkteren Zugang zur inneren Welt des Pferdes – und kann Beziehung, Training und Wohlbefinden auf ein neues Niveau heben.
Literaturverzeichnis
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