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Die Sprache der Pferde: Was uns ihre Mimik verrät

Pferde sprechen permanent – nicht mit Worten, aber mit ihrem Körper. Neben Haltung, Bewegung und Stimme ist die Mimik ein unglaublich reiches Kommunikationsmittel. Wer lernt, sie zu lesen, kann die Gefühle, Absichten und den inneren Zustand seines Pferdes viel feiner einschätzen – und damit Beziehung, Training und Alltag spürbar verbessern.


Mimik traumatisiertes Pferd
Wenn Mimik verstummt: ein Praxisbeispiel (Erklärung im Text)

Was ist Pferdemimik überhaupt?


Mimik bezeichnet die Bewegungen der Gesichtsmuskulatur, die bestimmte Ausdrücke erzeugen. Beim Pferd zählen dazu vor allem:


  • Augen

  • Ohren

  • Nüstern

  • Lippen und Maul

  • Gesamtausdruck


Pferde haben – genau wie Menschen – eine feine Muskulatur im Gesicht und können diese zielgerichtet zur Kommunikation einsetzen. Moderne Forschung bestätigt, dass Pferde nicht nur unbewusst reagieren, sondern Gesichtsausdrücke gezielt nutzen, um mit anderen zu interagieren.


Die Augen: Fenster zur Stimmung


„Lebendige“ Augen


Ein Auge wirkt lebendig, wenn es:

  • aufmerksam

  • weich und

  • rund

  • mit aktiver Blickrichtung ist.


Das zeigt:

  • Interesse

  • Neugier

  • Wachsamkeit ohne Stress


Ein offenes, aber nicht weit aufgerissenes Auge signalisiert meist einen entspannten, aber präsenten Zustand.


„Tote“ oder starr wirkende Augen


Ein Auge kann „tot“ wirken, wenn es

  • glanzlos erscheint

  • der Blick starr oder leer ist

  • kaum Augenbewegung stattfindet


Das kann bedeuten:

  • Unterforderung / Langeweile

  • Stress oder Überforderung

  • Schmerz oder Krankheit

  • Depression / psychische Belastung


Wissenschaftlich wurde gezeigt, dass Pferde unter chronischem Stress oder Schmerzen oft eine veränderte Augenmimik und reduziertes Blickverhalten zeigen.


Ohren: Intention und Fokus


Pferde bewegen ihre Ohren nahezu unabhängig und gezielt – sie sind wie Richtungsanzeiger der Aufmerksamkeit.


👉 Ohren nach vorne: Interesse, Neugier

👉 Ohren seitlich: Unsicherheit, Beobachtung

👉 Ohren nach hinten: Ärger, Unwohlsein, Warnung

👉 Ohren flach am Kopf: deutliche Aggression oder Schmerz


Die Position der Ohren zusammen mit Blick und Nüstern gibt wichtige Hinweise auf Absichten und emotionale Lage.


Nüstern und Maul: Atmung, Ausdruck, Emotion


Nüstern

Weit geöffnete, vibrierende Nüstern sehen wir bei:

  • hoher Erregung

  • Atmung nach Anstrengung

  • Angst oder Überraschung

Eng zusammengezogene oder starre Nüstern können auf Anspannung, Frustration oder Schmerz hindeuten.


Maul

Das Maul ist ein besonders aussagekräftiger Bereich:

  • Entspannte Lippen: Ruhe

  • Gähnen, Zähne zeigen: Stressabbau oder Anspannung

  • Festes Zusammenbeißen: Widerstand oder Unbehagen

  • Leicht nach vorn gezogene Maulwinkel: Aufmerksamkeit

Auch hier zeigen Studien, dass Pferde subtile Unterschiede im Maulausdruck nutzen, um emotionale Zustände auszudrücken und auf soziale Situationen zu reagieren.


Gesamtausdruck verstehen: Kontext ist entscheidend


Ein einzelnes Merkmal (z. B. starrer Blick) ist selten alleine aussagekräftig. Wirklich aussagekräftig wird die Mimik erst, wenn man sie im Kontext betrachtet:

  • Körperhaltung

  • Atmung

  • Ohren- und Augenkombination

  • Situative Trigger (Geräusch, Training, Mensch, anderes Pferd)


Wenn Mimik verstummt: ein Praxisbeispiel, siehe Bild oben


Die Mimik eines Pferdes kann sich durch belastende Erfahrungen deutlich verändern. Besonders bei traumatisierten Pferden wirkt der Gesichtsausdruck oft „leer“ oder widersprüchlich ruhig.


Beobachtbare mimische Merkmale – fachliche Einordnung:


  • Starrer, glanzloser Blick → emotionaler Rückzug, Überforderung, erlernte Hilflosigkeit

  • Kaum Augenbewegung / fehlende Blickfokussierung → Abschalten als Schutzmechanismus

  • Hoch getragener, fixierter Kopf → Daueranspannung, Fluchtbereitschaft

  • Ohren häufig seitlich oder abrupt nach hinten → Unsicherheit, Misstrauen

  • Feste Maulpartie, angespannte Lippen → innerer Stress, Unterdrückung von Reaktionen

  • Flucht- oder Losreißverhalten bei Annäherung → Mensch als Auslöser negativer Erinnerung


Interpretation: Diese Mimik steht nicht für „Unwillen“ oder „schlechten Charakter“, sondern für ein Pferd, das gelernt hat, dass Menschen unberechenbar und gefährlich sind. Der scheinbar „leere“ Ausdruck ist ein deutliches Alarmsignal für psychische Überforderung.


Praxis: So liest du die Mimik deines Pferdes

  1. Immer im Kontext beobachten – Augen, Ohren, Nüstern, Kopfhaltung, Körper und Situation.

  2. Veränderungen erkennen – Subtile Abweichungen vom Normalzustand sind wichtige Hinweise.

  3. Regelmäßiges Training deiner Wahrnehmung – Putzen, Herdenbeobachtung, Reiten.

  4. Mimik als Beziehungstool nutzen – Wer feinfühlig liest, kann Vertrauen aufbauen und Stress vermeiden.


Fazit

Die Mimik ist bei Pferden kein „nettes Extra“, sondern ein zentrales Kommunikationsmittel. Sie verrät Gefühle, innere Zustände und soziale Absichten. Wer lernt, diese Zeichen zu lesen, findet einen direkteren Zugang zur inneren Welt des Pferdes – und kann Beziehung, Training und Wohlbefinden auf ein neues Niveau heben.


Literaturverzeichnis

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