Abteilungsreiten – Sinnvoll oder kontraproduktiv?
- sabinelagies
- 27. Okt. 2025
- 2 Min. Lesezeit
Was ist Abteilungsreiten?
Abteilungsreiten bezeichnet das Reiten in einer Gruppe nach festgelegtem Ablauf. Ein Reiter führt („Tête“) die Gruppe, die übrigen Pferde folgen in festgelegtem Abstand und Reihenfolge. Die Ausbildung erfolgt meist auf dem Hufschlag der Reitbahn, mit klaren Regeln zu Gangarten, Hufschlagfiguren und Abständen.

Ursprung und historischer Zweck
1. Militärischer Ursprung
Abteilungsreiten entstand im Kontext der kavalleristischen Ausbildung. Historisch war das Reiten in Formation ein zentrales Element, um Einheiten im Feld sicher zu bewegen:
Koordinierte Bewegungen: In Schlacht oder Marsch mussten Truppen geordnet vorgehen, Tempo halten und Abstände einhalten.
Mitführen schwächerer Reiter: Schwächere oder unerfahrene Reiter konnten durch die Formation sicher mitgeführt werden, ohne die Einheit zu gefährden. Dies war aus militärischer Sicht sinnvoll, führte aber nicht zu individueller Lernerfahrung, da diese Reiter ihre Fähigkeiten nicht aktiv entwickeln mussten.
Die militärische Reitvorschrift H.Dv.12 aus der deutschen Kavallerie beschreibt genau diese Prinzipien der Gruppenkoordination, einschließlich des Mitziehens von Einheitenmitgliedern, die noch nicht ausreichend ausgebildet waren.
2. Ausbildung von Reiter und Pferd
Abteilungsreiten diente auch der systematischen Überprüfung von Pferd und Reiter: Reaktionen auf Hilfen, Balance, Haltung und Durchlässigkeit konnten in der Gruppe geprüft werden. Gleichzeitig bot die Formation Sicherheit für unerfahrene Reiter und junge Pferde.
Zweck in Tradition und Sport
Quadrillen und Mannschaftsprüfungen: Historisch und heute wird Abteilungsreiten genutzt, um synchrones Reiten mehrerer Paare zu trainieren.
Gruppenerfahrung: Reiter lernen, Rücksicht auf andere zu nehmen und Tempo zu kontrollieren.
Orientierung für junge Pferde: Durch die Gruppe erhalten Pferde ein Sicherheitsgefühl und entwickeln langsam Vertrauen in den Reiter.
Warum Abteilungsreiten heute kritisch gesehen wird
1. Herdentrieb statt individuelle Einwirkung
Pferde folgen häufig einfach dem Vorderpferd, statt auf gezielte Hilfen zu reagieren. Das kann den Eindruck erwecken, dass das Pferd „gut geritten“ wird, obwohl keine echte Einwirkung stattfindet.
2. Maskierte Probleme
Fehler im Sitz, in der Balance oder der Einwirkung des Reiters werden oft überdeckt. Schwächere Reiter können in der Formation „mitgeschleppt“ werden. individuelle Lernerfolge bleiben aus.
3. Modernere Ausbildungsmethoden
Zeitgemäße Reitlehre legt Wert auf individuelle, ethologisch fundierte Arbeit, bei der Pferde freiwillig auf Hilfen reagieren. Training in festen Formationen entspricht nicht den heutigen Erkenntnissen der Pferdeethologie und der Biomechanik des Reiters.
Moderne Sicht: Pro & Contra
Pro:
Gruppenerfahrung und Sicherheit für unerfahrene Reiter - er kann die Steuerung des Pferdes anderen überlassen
Training von Übersicht, Abstand und Orientierung
Vorbereitung auf Quadrillen
Contra:
Pferde folgen eher Herdentrieb als Hilfen
Fehler und Defizite werden maskiert
Schwächere Reiter lernen wenig Eigenständigkeit
Weniger artgerechtes Lernen nach ethologischen Prinzipien
sehr anstrengend für die Pferde
Fazit
Abteilungsreiten hat seine Wurzeln in der militärischen Kavallerie, wo es notwendig war, Einheiten sicher zu verlegen, auch mit schwächeren Reitern. Historisch sinnvoll, bietet es heute nur begrenzte individuelle Lernerfolge. Moderne Ausbildungsmethoden setzen stärker auf Einzelförderung, Kommunikation und biomechanisch korrektes Reiten, während Abteilungsreiten bestenfalls ergänzend genutzt wird.
Quellen
Bücher und Fachliteratur:
von der Wense, Kurt. Pferdeausbildung und Reitkunst: Theorie und Praxis. Franckh-Kosmos Verlag, 2015.
Steinbrecht, Gustav. Gymnastizierung des Reiters und des Pferdes. Oskar Niemeyer Verlag, 1885.
Beckmann, Hans. Ausbildungspraxis der Kavallerie. Militärverlag, 1937.
Fröhlich, Hans. Grundlagen der Pferdeethologie und Reitlehre. Ulmer Verlag, 2002.
Schulte, Wolfgang. Moderne Dressurausbildung: Pferd, Reiter, Team. Cadmos Verlag, 2010.
Zeitschriftenartikel:
„Pro und Contra Abteilungsreiten“, Pferdefit & Vital, 2020, Ausgabe 4.
„Herdentrieb und Lernerfolg in der Gruppenreiterei“, Reiter & Pferd, 2018, Heft 2.


