Was ist reiterliche Gewalt – und warum begegnet sie uns so oft?
- sabinelagies
- 24. Juni 2025
- 3 Min. Lesezeit
Fragt man Reiterinnen und Reiter, ist die Antwort meist eindeutig: Reiterliche Gewalt ist nicht akzeptabel. Fast jeder würde von sich behaupten, fair mit seinem Pferd umzugehen. Gewalt? Niemals! Doch ein Blick in die Reithallen, auf Turnierplätze oder auch in private Ställe zeigt ein anderes Bild. Viel zu oft sieht man verkrampfte Pferdehälse, weggedrückte Rücken, hektische Bewegungen, panische Augen – und Reiter, die scheinbar nichts bemerken.

Die Frage ist also nicht nur, was reiterliche Gewalt ist, sondern auch: Warum ist sie so allgegenwärtig – obwohl sich doch alle einig sind, dass sie falsch ist?
Was ist reiterliche Gewalt?
Reiterliche Gewalt beginnt nicht erst beim offensichtlichen Schlagen mit der Gerte oder bei blutigen Sporenrändern. Sie beginnt viel früher – oft unsichtbar für Außenstehende, manchmal sogar unbewusst für den Reiter selbst.
Reiterliche Gewalt ist:
Zwang statt Einladung
Druck ohne Loslassen
Ignorieren von Stresssignalen
Durchsetzen der eigenen Ziele auf Kosten des Pferdewohls
Sie zeigt sich zum Beispiel in:
dauerhaften Zügelzugen, die das Pferd gegen die Hand „kämpfen“ lassen
Rollkur oder hyperflexionierten Hälse, die Schmerzen und Atemnot verursachen
ständigem Treiben bei gleichzeitig festgehaltener Hand
Gerten- oder Sporeneinsatz zur „Strafe“
Liebloser Ausbildung ohne Raum für individuelle Entwicklung
Kurz gesagt: Reiterliche Gewalt ist alles, was dem Pferd körperlich oder seelisch Schaden zufügt, um ein bestimmtes Verhalten zu erzwingen.
Was bedeutet das für das Pferd?
Ein Pferd kann sich nicht wehren wie ein Mensch. Es kann nicht sprechen, keine Anzeige erstatten, keine SMS schreiben. Aber es zeigt, wenn es leidet – durch Körpersprache, Verhalten und am Ende durch Krankheit.
Typische Reaktionen auf reiterliche Gewalt sind:
Flucht- oder Abwehrverhalten (Bocken, Steigen, Durchgehen)
Innere Aufgabe („Lernhilfeverweigerung“, stumpfer Blick, Apathie)
Verspannungen, Muskelabbau, Lahmheiten
Magengeschwüre, Koliken, chronischer Stress
Ein Pferd, das sich nicht verstanden, nicht gehört und nicht respektiert fühlt, entwickelt entweder Widerstand oder Resignation – beides ist aus Sicht der Reiterei ein Drama.
Wo bleibt das feine Reiten der alten Meister?
Reiten war einmal eine Kunst. Die alten Meister – von Xenophon über Baucher bis hin zu Steinbrecht und Oliveira – waren sich einig:
„Reiten soll das Pferd schöner machen, nicht kaputter.“
Sie strebten nach Leichtigkeit, Harmonie, Balance. Ein fein gerittenes Pferd war freudig, geschmeidig, stolz, nicht unterwürfig, eilig oder gequält.
Der „Zwirnsfadenzügel“, von dem oft die Rede ist, war keine Metapher – er war ein Ideal: Reiten mit minimaler Einwirkung. Doch dieses feine Reiten braucht Zeit, Geduld, Wissen und innere Haltung. Und genau daran fehlt es heute oft.
Die moderne Reiterei – ob auf dem Turnier oder im Freizeitsport – ist häufig geprägt von Eile, Druck und Leistungsdenken. Der Anspruch, schnell Resultate zu sehen, führt dazu, dass Pferde überfordert oder verbogen werden, statt sie zu bilden.
Was kann man tun?
Reiterliche Gewalt verschwindet nicht durch Moralpredigten. Sie verschwindet durch Bewusstsein, Bildung und Haltung. Wer wirklich etwas ändern will, kann folgende Schritte gehen:
Hinschauen statt Wegsehen: Pferde beobachten lernen. Körpersprache lesen. Ehrlich fragen: Wie geht es meinem Pferd wirklich?
Fehler erkennen – und daraus lernen: Jeder macht Fehler. Aber wer sie erkennt und offen damit umgeht, kann wachsen.
Besser werden wollen – fürs Pferd: Fachlich dazulernen. Unterricht bei guten Ausbildern. Offen sein für neue (oder alte!) Wege.
Geduld haben: Pferdeausbildung braucht Zeit. Wer abkürzen will, verliert am Ende mehr, als er gewinnt.
Stimme erheben: Wenn Du Gewalt siehst – benenne sie. Freundlich, aber klar. Nur so verändert sich die Reitkultur.
Pferde als Partner sehen, nicht als Sportgeräte: Reiten ist kein Krieg. Es ist ein Dialog. Und der beginnt mit Zuhören.
Fazit: Wahre Größe braucht Gefühl
Reiterliche Gewalt beginnt oft da, wo das Gefühl für das Pferd aufhört. Wer aber wirklich gut reiten will – in welcher Reitweise auch immer – muss vor allem eins lernen: Mitgefühl.
Ein gutes Pferd unter dem Sattel erkennt man nicht an der spektakulären Gangart oder am Schleifchen – sondern an den weichen Ohren, dem schwingenden Rücken, dem wachen, ruhigen Blick.
Denn: Ein Pferd, das sich sicher und verstanden fühlt, gibt mehr, als man je fordern könnte.


